Musik macht Freude

Verstehe ich nicht.
Gestern war die Note doch noch da. Genau hier. Genau an dieser Stelle der Gitarre.

Heute klingt das so - so misstönig.
Noch ein Versuch - nicht wirklich besser.
Ein Blick auf meine Finger. Nein - sie sind nicht verbogen und sehen auch noch genau so aus wie gestern.
Ein kurzes Tremolo. 
Hmmmmmmmm

Gestern ging das auch besser.
Vielleicht sind die Nägel zu lange? Oder der Bauch zu dick, oder die Haare zu strähnig?
Schwachsinnige Gedanken durchfluten mich. Stop. Aus mit dem Unfug.

Gut. Also, Zähne zusammenbeißen, noch einmal.
Mist, die Zunge war zwischen den Zähnen.

Die Finger schmerzen, die Zunge schmerzt. Das Auge tränt ob der zu weit weg gelegten Noten. Das Ohr weint still vor sich hin. Die große Zehe bohrt sich aus mir unerklärlichen Gründen in die daneben liegende.

Schmeiß ich die Gitarre nun in die Ecke oder versuch ich's doch noch einmal?
Ich muss.
Die Stunden bis zum ersten Auftritt sind gezählt.
Also wieder die Zähne zusammengebissen - diesmal mit etwas mehr Vorsicht.
Keine Zunge zwischen den Zähnen, aber es klingt dennoch nicht besser.

Ich habe Lust, die Note suchen zu gehen. Dann kann ich wenigstens die Gitarre in die Ecke stellen.
Nur - wo sucht man eine Note?

"Jede Ablenkung ist genehm,
muss ich nur keine Gitarre seh'n"

Ob das so wirklich Sinn macht? Meine Gedanken verlieren sich in jede Unwichtigkeit, jede Schwachsinnigkeit des Lebens. Nur um meinen Fingern nicht den Befehl geben zu müssen, sich auf die Saiten zu legen.

Noch einmal, ein allerletztes Mal zusammennehmen.
Das Ohr horcht verzweifelt und mit dumpfen Unbehagen.
Das klingt. Es klingt nach - hmmm, an was erinnert mich das nur...
Doch oh ja - das war's. Gestern klang's genau so.

Und endlich, endlich macht Musik Freude.
Ich stelle die Gitarre in die Ecke und besaufe mich.

 

Riccarda 26.8.03