Es ist schwierig und spannend diese Geschichte zu lesen. Du kannst erst die linke oder die rechte Seite oder auch kreuz und quer lesen. Beide Hälften - denn erst beide zusammen ergeben ein Ganzes - stehen immer in einem ursächlichem Zusammenhang und alles beruht auf Erlebtem. Ich wünsche Dir viel Spaß beim Erforschen dieser eigenartigen Welt.

 

Als ES auszog - Ritter zu werden

1.Kapitel: Der Tag davor - 31.12.02

 

Da stand ES nun, trotzig blickend.
"So, so, Abenteuerlustig", sinnend blickte er ES an, "den Kampf suchen, hmmm.

Ich hatte einen anderen Weg für dich vorgesehen."

ES stampfte mit dem Fuß. "Ein Ritter will ich sein, wie mein Vater und mein Großvater! Drachen besiegen, gegen Unholde kämpfen! Ich will der mächtigste Krieger werden unter dieser Sonne!"

"Nun," er lächelte versonnen, "so soll es ein und ich werde dir den mächtigsten Gegner mitgeben, den es in dieser Welt geben kann."

ES freute sich "Welche Waffen gibst du mir auf den Weg?" fragte ES voller Ungeduld und Tatendrang.

"Keine, denn deine Waffe wirst du selbst sein."

 

  

So zog ES aus, in diese wunderbare, unbekannte, liebenswerte, furchterregende Welt, voller Selbstvertrauen und guter Hoffnung, den bösen Drachen zu besiegen und die Jungfrau zu retten.

ES wusste, irgendwo lauerte die Gefahr - nur wo, dass wusste ES nicht. So begann ES die Welt zu erkunden, das Abenteuer Gefühl zu erfahren, die Verstrickungen zwischen Denken und Fühlen, die Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits zu suchen.
ES lebte die Liebe, die Abhängigkeit, die Sucht, die Hoffnung, den Abgrund,  aber immer in Vorsicht. Wo ist er?

Irgendwo musste er doch sein, der mächtigste Drache dieser Welt.

 

Es war finster, leer und kalt. "So ist also das Leben" dachte er erstaunt. "Wo liegt hier mein Sinn?"

"Gibt es hier vielleicht noch jemand in meiner Art?".

Er fühlte eine unglaubliche spirituelle Kraft in sich, eine Verbundenheit mit Allem was ist.

Aber nicht mit seiner unmittelbaren Umgebung.

Leise, kaum hörbar, kaum erfassbar erklang ein Satz.
"Halte dich nicht an die Spielregeln"
Leise, kaum hörbar, kaum erfassbar erklang ein Satz.
"Halte dich nicht an die Spielregeln"

 

ES fand keinen Sinn in diesen Worten.

Zeitweise war der Drache zu fühlen, aber nie zu sehen. 
ES dachte: "ich werde mir Freunde suchen, um beim Kampf besser bestehen zu können."
Und ES suchte und fand Freunde. Viel bessere als ES zu erkennen in der Lage war. 

ES spürte ihn immer mehr, aber wo war er?

 

 

Er versuchte zu spüren, doch außer einem eigentümlichen Gefühl war nichts zu merken.
"Wie gefangen" dachte er.

Er versuchte sich zu bewegen.
Nichts.

Ein Versuch folgte dem Anderen.

Und dann, ES war noch gar nicht so lange in dieser Welt, lernte ES ihn kennen. Wie ein dunkler Schatten stieg er hoch. ES spürte ihn mit Vehemenz, aber ES konnte ihn nicht sehen - ihn noch nicht einmal definieren.
Wo lag die Gefahr? Erschrocken und angsterfüllt sah ES sich um. ES lugte hinter jede Ecke, sah auf die Wolken hinab, auf den tiefsten Grund des dunklen Sees und mit tränenerfüllten Augen in den Rauch des Feuers.

Er war nicht zu sehen, aber... ES spürte ihn doch!?

"Ignorieren!" rief die Seele in Panik "Ich sehe dich nicht, ich höre dich nicht, ich rieche dich nicht! Du kannst nicht echt sein!"

ES verschloss die Augen.

"Er kann doch nicht unsichtbar sein. Keine Waffe wurde mir mitgeben und noch nicht einmal sehen kann ich ihn! Wie soll ich so überleben? Wie ihn besiegen? "
Zweifel schossen in den Kopf "Kann ich ihn besiegen?"

 

Und dann, ganz plötzlich, erweckte ihn ein Sonnenstrahl zum Leben. Ein Sonnenstrahl bis in das Herz.

Es wurde wärmer und er hatte das Gefühl, jetzt erst zum Leben zu erwachen.
Er verbrachte seine Zeit bisher nur in einer Art Dämmerschlaf.

Er begann zu spüren. Undefinierbar. Unbeschreiblich. Großartig.

Er öffnete die Augen und sah. Eine Welt, unglaublich schön, das Sonnenlicht, ein Baum, eine Blume, einen Vogel.

Er lauschte. Geräusche, Gesänge, Klänge, wunderbare Töne, Leben.

Er lauschte dem Rauschen des Windes in den Zweigen, dem Gesang der Vögel, dem Raunen der Wälder, den Lauten der Tiere.

Er beobachtete eine Blume, wie sie im ersten Morgengrauen begann, ihren Blütenkelch zu öffnen und bewundert das Glitzern der Regentropfen auf den Blättern. Und es spürte den Geruch der Blume.

Spüren? Nein.

Das ist etwas anderes. Ein ganz anderes Gefühl - Riechen.

Wie wundervoll.

So verging Jahr um Jahr. Immer wieder spürte ES ihn, aber er war nicht zu sehen, nicht greifbar. Und scheinbar auch keine direkte körperliche Bedrohung. 
ES merkte, dass Ablenkung den Kampf hinauszögerte. So machte ES das Gleiche wie alle anderen. ES heiratete, suchte und fand Arbeit, wurde ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft.
Aber immer in Angst vor dem unbekannten Drachen. ES suchte Mittel und Möglichkeiten um der drohenden Gefahr begegnen zu können. Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr.

ES suchte den Stein der Weisen, das Wasser der Klarheit, die Luft der Erkenntnis und das Feuer der geistigen Reinigung.
Nichts gab es mehr auf der Welt, für das noch Zeit blieb. Keine Zeit verblieb für das Weib daheim, der Arbeit nachzugehen und seinen Freunden zur Seite zu stehen.

Er war immer stärker zu spüren und die Panik wuchs.
Kein Mittel hatte ES bis jetzt gefunden um gegen den Drachen bestehen zu können.

Wieder kehrte ES von einer langen Suche ermüdet nach Hause. Nach Hause... ein kleines Haus, irgendwo in der Weite der Landschaft. Wohl war es das gebaute Heim, nur gefühlt hatte ES das nie. Gewohnt hatte ES darin mit einer wunderbaren Frau und sie hatten sehr schöne Zeiten verbracht. Aber irgendwie war es nie Heimat geworden.

So oft war ES hierhin zurückgekommen.
Nur diesmal war das Heim leer. Sie wollte, konnte diese Ungewissheit, diese Angst, die Euphorie, gelegen zwischen Siegessicherheit und Todesangst nicht mehr ertragen.
Es war auch nicht ihr Kampf.

"Gut," dachte ES, "so werde ich denn alleine weiterziehen."

Doch ES blieb nicht lang alleine. Immer wieder fand ES Mann oder Weib, die eine zeitlang an der Seite standen. Die Frauen als Waffe die Liebe, die Männer die Kraft.

ES baute immer wieder Häuser, um mit Frauen kurze Zeiten des Friedens und der Einkehr zu finden.

Aber er war immer da. Anfangs leise, unbestimmt. Mit der Zeit lauter, drängender, herausfordernder.

Er konnte sich nicht satt sehen, nicht satt hören, nicht satt fühlen.

Immer und immer wieder versuchte er die Wunder dieser Welt zu begreifen. Jedoch ohne das Bedürfnis zu verspüren es zu erleben.

Sehen, hören, fühlen.
Das war es was er liebte.

Und fand vorerst genüge darin.

Und doch.
Das Spüren war so faszinierend. Er wollte es immer und immer wieder. Und auch immer intensiver.

Es kam ein Verlangen, die Dinge nicht nur spirituell zu erfassen, sondern auch noch in anderer Art und Weise zu begreifen.

Wie konnte er?

Und er begann sich wieder die Frage zu stellen. Was bin ich und was ist mein Sinn?

Er dachte.

Selbst andere begannen ihn zu spüren. Und in diesen Stunden zeigte sich die wahre Seite der Freunde, die an der Seite standen, die Gefahr nicht erkennen könnend und doch jederzeit bereit.
Nur die Frauen, die immer wieder für ES dagewesen waren, konnten dieser Gefahr nicht begegnen.
So war ES oft alleine, mit der Zeit gewöhnt an diesen Umstand und durchaus zufrieden mit dem Leben.

Eines Tages, auf Erholung in fremden Landen, lernte ES wieder eine Frau kennen. Auch sie stammte aus einem fernen, aber doch ähnlichem Land wie ES selbst.
Das Ungemach kennend und des Verlassenwerdens müde, berichtete ES der Frau noch am ersten Abend von dem unendlichen Kampf, der noch nie in Taten gemündet hatte.
Diese Frau, stark und erhaben, war bereit den Kampf aufzunehmen.

Er wurde drängender, lauter. Er war nicht zu sehen, aber immer wieder zu spüren. Fast kein Tag verging mehr, ohne dass nicht dieses tiefe, furchteinflößende Grollen zu hören war. Der Körper vibrierte bei diesem Ton, die Perlen der Angst ergossen sich über ES und doch war ES immer noch bereit den Kampf aufzunehmen, wenn ES dazu in der Lage gewesen wäre.
Die Frau stand an der Seite, schützend so gut sie konnte und stark wie sie war. Sie zeigte keine Angst, auch wenn sie sie oftmals verspürte.

 

Ein Gedankenblitz.

Mein Gefängnis, mein Zuhause. Was ist das?

Er begann seine nächste Nähe zu erfühlen. Erfasste die Ausmaße, die Struktur, die Abläufe und versuchte, sie zu beeinflussen.

Und es kam der Tag an dem er dachte "ich will leben".

Er begann sein Recht auf Leben einzufordern und schaffte es auch, vorübergehend, winzige Zeitspannen und Gefühlswelten lang zu erleben.

Seine Gefühle begannen sich in seiner Nähe auszubreiten. Seine Wünsche und Anforderungen wurden Teil seiner Umgebung.

Ein neues Gefühl entstand.
Einsamkeit.
Ein schreckliches Gefühl.

"Ich werde das ändern, ich muss!" 

Und dann, noch ist nicht allzu viel Zeit vergangen, begann der Kampf.
Keine Klinge wurde benutzt, kein heiliges Messer erhoben, keine Sehne gespannt.

Es war ein Kampf, den ES nicht gewinnen konnte. Viele Jahre hatte ES Mittel und Wege gesucht, um sich dem jetzt folgenden Entgegenstellen zu können.

ES spürte, wie dieses andere es die Macht übernahm. Über die Gefühle, die Gedanken, das Sehen, das Riechen, das Hören und das Sein. Es gab keine Möglichkeit zur Wehr. Es war zu spät.

Noch einmal kurz, vielleicht einen Lidschlag lang, gingen die Gedanken in die Zeit zurück, ob ES irgendetwas im bisherigen Leben übersehen hatte, eine Waffe ignoriert, eine Möglichkeit ausgelassen.

Und dann war es für ES klar: "ich konnte nicht gewinnen, ich konnte kämpfen. Dieses habe ich Jahrzehnte getan, aber nie war es vorgesehen gewesen, dass ich auch gewinnen kann."

 

Ein neuer Versuch der Bewegung.

Und dann

Leben

Er erfasste mit einem Mal seine Möglichkeiten. Er breitete sich aus in jede Faser seiner Umgebung, beglückt, dies alles zu erforschen und zu erfühlen.

Freude kam auf, Riesenfreude.

Vorsichtig versuchte er den Kopf zu bewegen. Er sah wie sich die Bilder veränderten und begann die Wirklichkeit des Lebens zu erfassen.

Er fühlte die Luft an seinem Körper, fühlte das erste Mal Temperatur.
Und lernte das Gefühl Wohlbehagen kennen.

Er blinzelte in die Sonne, sah die schwachen Umrisse des Mondes.

"vielen Dank für dieses Göttergeschenk. Ich lebe und kann nun erleben!"

 

 

Ein ungleicher Kampf, zwischen einem Menschenleben und der Vorhersehung, ausgetragen auf dem Rücken der Seele, mit unvorhersehbaren Folgen.

Und doch...
Ein neuer, noch ganz kleiner Stern ist am Firmament aufgetaucht. Sehr hell in der Farbe, doch noch sehr schwach.
Ein leises Aufseufzen der Seele - mein Glücksstern?

Die starke Frau aus fernen Landen war Zeuge als es geschah.
Sie hat sich wieder zurückgezogen in ihre Heimat, nicht wissend wie es nun ist, abwartend, ob es eine Möglichkeit der Wiedervereinigung gibt, wie sich die Zukunft entwickelt.

 

 

2.Kapitel: Der Übergang - 24.03.03

 

Es war dunkel und absolut lautlos. Nicht das leiseste Geräusch war zu hören. Zu schön wäre es gewesen, das Trippeln einer Maus zu hören, den Ruf der Schleiereule oder den Luftzug des Adlers zu spüren.

Es war nichts. Nichts im Sinne von Leere, von dichtem Nebel ohne Boden zu spüren.
Nichts im Sinne von luftleerer Nacht.

ES versuchte sich zu bewegen, doch ES war nicht - nicht mehr.
Panik erfasste ES, abgrundtiefe Panik. Es war nichts zu sehen, nichts zu hören und am schlimmsten - nichts zu spüren.

"Hilfe" schrie ES lautlos mit voller Kraft. Aber wer sollte ES hören. Konnte wer ES hören?

 

 

 

Wohlig räkelte er sich der Sonne. 

Es war ein unglaubliches Gefühl, die Wärme und das Licht der Sonnenstrahlen auf der Haut zu fühlen. Die Umgebung, die Welt, die Natur mit allen Sinnen zu erfassen war eine Erfahrung, die ungemein glücklich machte.

"Ich kann so leben wie ich bin" schoss es durch seinen Kopf.

So schön auch dieses Gefühl war, so tief bestürzt war er dann nach dem Abflauen der ersten Lebensfreude über eine andere unglaubliche Tatsache.

Wo waren die Freunde, die früher an der Seite von ES standen?
Sie waren geflohen. Die wichtigsten Mitstreiter waren geflohen. Gerade die, auf die ES am Meisten vertraut hatte, waren gegangen. Schlimmer noch - sie hatten ES verurteilt, weil ES nun ein Drache war. Doch ES war zu dieser Lage verurteilt und in der Tiefe des Herzens verzweifelt über diesen Zustand.
Es war Teil des Drachen. Ungewollt verschmolzen, geistig und seelisch unabhängig und doch abhängig.

Selbst die Frau aus dem Norden hatte sich abgewandt. Sie, auf die ES so verzweifelt gehofft hatte. Sie, die doch in dieser schweren Lage an seiner Seite sein sollte und wollte.

 

Verletzt betrachtete er die Menschen, die ihn kurz sahen und sich danach voll Abscheu abwandten. Nicht alle, bei weitem nicht alle, aber er hatte das Gefühl, als ob genau diese Menschen etwas besonderes für ihn wären und spürte auch eine starke innere Verbundenheit.

"Was habe ich ihnen getan?"
"Sie kennen mich doch gar nicht und doch wenden sie sich ab von mir". Er war sehr verwundert aber auch tief verwundet.

Auch eine Frau sah ihn mit einem falschen Lächeln an und drehte sich um. Obwohl er doch gerade zu ihr eine sehr tiefe und starke Seelenverwandtschaft erspüren konnte.

 

Ein Gedanke schoss durch den Kopf. Sie haben nicht begriffen oder wollen nicht begreifen. Sie fühlen nicht, sie reden nicht, sie verwunden.
 

Wenn es nicht immer andere Menschen, vom Gefühl her Fremde gegeben hätte, die ihn voll Ehrfurcht, Bewunderung und sogar Liebe angesehen hätten, wäre er daran gestorben. 

Dennoch blieb die Bestürzung und Trauer in bedrohlichem Ausmaße. "Sie wollen nicht mit mir reden, sie wollen nicht einmal wissen wer ich bin und warum ich bin. Sie verwunden ohne zu denken und zu fühlen."

Verzagen breitete sich aus und leise weinte ES vor sich hin. Auch in sich verspürte er Unruhe ohne sagen zu können, woher dieses Gefühl kam und was es verursachte.

Das Glück, diese Freude, die es am Anfang verspürt hatte, begannen zu schwinden. 
Diese Lebensfreude, die es am Anfang zu solchen Begeisterungsstürmen getrieben hatte, begann mehr und mehr abzuflauen und Verzweiflung machte sich breit.

Er begann sich selbst und die Welt, diese wunderschöne Welt in Zweifel zu ziehen und ein leiser Gedanke keimte in ihm auf.
"Wäre ich doch geblieben wo ich war"

 

Da, plötzlich, ganz leise hörte ES Stimmen. Eine Frau und ein Mann waren zu vernehmen.

Leise Hoffnung begann sich in ES auszubreiten, aber wie sollte ES sich bemerkbar machen?

ES lauschte.

"Wir sind bei dir" hörte ES sie rufen. "Wir sind bei dir an deiner Seite".
Eine ungemeine Erleichterung überkam ES. ES war nicht allein. ES weinte Tränen der Freude. Aber auch Tränen der Trauer über den Verlust so vieler wichtiger Menschen.

 

 

Da, plötzlich, ganz leise hörte er Stimmen. Eine Frau und ein Mann waren zu vernehmen.

Leise Hoffnung begann sich in ihm auszubreiten. Menschen, die mit ihm innerlich verbunden waren, ihn sahen und blieben.

Mehr sogar, sie freuten sich mit ihm.

"Wir sind bei dir" hörte er sie rufen. "Wir sind bei dir an deiner Seite".
Eine ungemeine Erleichterung überkam ihn. Er war nicht allein. Er weinte Tränen der Freude. Aber auch Tränen der Trauer über die Reaktion so vieler wichtiger Menschen.

Aber ein wunderbares Gefühl breitete sich in ihm aus, trotz der Trauer die in allen Fasern seines Körpers schmerzte.

"Ich schaffe es trotzdem"

Tage und Wochen vergingen. Die Freunde blieben. ES spürte und hörte sie, als sie Worte des Trostes, der Aufmunterung, der Freundschaft und der Liebe sprachen. ES hörte sie bis in die tiefste Tiefe seiner Seele. Tage und Wochen vergingen. Die Freunde blieben. Er sah und hörte sie, als sie Worte des Trostes, der Aufmunterung, der Freundschaft und der Liebe sprachen. Er hörte sie bis in die tiefste Tiefe seiner Seele.

Und dann eines Tages, kurz nach Sonnenaufgang, spürte ES ganz plötzlich und unerwartet etwas. Ganz kurz war da die Möglichkeit der Bewegung. Ein kleines Aufflackern nur, aber doch ein Hoffnungsschimmer. 

Eine Möglichkeit keimte auf, sich aus diesem so ungewöhnlichen Gefängnis zu befreien. Immer noch konnte ES nicht sehen, fühlen und außer den Freunden hören.
Und doch ergab sich plötzlich die Gelegenheit Taten zu setzen. Auf eine völlig unerwartete Art und Weise und mit der einzig verbliebenen Waffe.

 

Und dann eines Tages, kurz nach Sonnenaufgang, spürte er ganz plötzlich und unerwartet etwas in seinem Inneren.
Dem kurzen Aufflackern einer Flamme gleich, aber undefinierbar.

"Ich bin mehr als ich glaube" schoss es durch seinen Kopf.
"Unglaublich viel mehr".

Liebe breitete sich in ihm aus. Zuversicht und Freude.

Unbedingt wollte er dieses Andere in ihm erreichen. Aber wie den Zugang finden. 
So nahm er seine stärkste Kraft die ihm zur Verfügung stand und setzte sie ein.

 

Dem Gedanken.

ES hatte den Ansatzpunkt gefunden. ES konnte den Drachen mit Gedanken bezwingen.
Natürlich hatte ES auch schon früher gedacht, jedoch waren da die Gedanken nicht die Waffe, sondern ein Mittel zur Suche einer Waffe gewesen. 
Und es gab keine andere Waffe als den Gedanken selbst.

 

Das Gefühl.

Er hatte den Ansatzpunkt gefunden. Er konnte das Andere in ihm mit Gefühl erreichen.
Es war eine unglaubliche Erfahrung für ihn, in sich selbst nach etwas ganz besonders Wichtigem zu spüren.

 

Noch fehlte ES der Ansatzpunkt für den Gedanken. Zuvor musste es definieren: was ES ist, was der Drache ist, wie ES und der Drache zueinander standen und ob es zum Tot von einem der beiden führen sollte, oder zu einer friedlichen Koexistenz. Er versuchte zu erspüren, was dieses ES sein könnte, wer eigentlich er selbst ist, wie ES und er zueinander standen und ob es zu Verletzungen führen konnte.
Oder war ES er?

Er wollte Verbindung, Liebe, Einheit und Gemeinsamkeit.

 

Waren ES und der Drache die gleiche Seele?

ES versuchte so gut es ging klar zu denken und doch - immer noch überschattete die Trauer um die geliebten Menschen sein klares Denkvermögen.
Jedoch auf Dauer übernahm der klare Gedanke die Führung.
Wieder vergingen Tage, Wochen.

ES dachte.

ES stellte Verbindungen her. Zwischen Geschehnissen, Vermutungen, Erfahrungen, Möglichkeiten, Absurditäten, Unwahrscheinlichem und Wahrscheinlichem.

 

Waren er und ES die gleiche Seele?

Er versuchte zu spüren und erforschte jeden Winkel seiner Seele und seines Körpers.
Tage und Wochen vergingen auf seiner Reise durch sein Innerstes.

Ganz sachte, begann er erst zu vermuten, dann zu erfahren, was dieses ES war.
Und bereitete den Weg für ES vor.

Er ließ ES die Möglichkeit, über ihre Zukunft zu entscheiden.

Und begann auf einem Auge zu sehen. Und verlor einen geringen Teil der Kontrolle über diesen wunderbaren Körper.
 

 

3.Kapitel: Zeit der Besinnung - 26.03.03

 

 
ES sah die Welt durch ein Auge.

Überschäumend vor Glück, begann ES erst jetzt die Schönheit der Welt zu sehen.
ES verlor sich in Bildern von strömendem Wasser, der knorrigen Rinde einer Eiche, dem Flug einer Schwalbe.

Und
Es begann, ganz leise und sanft, zu verstehen und zu spüren.

Der Drache
Der zu besiegende Drache
Sein bester Freund?
Sein zweites ich?
Sein ich?

 

Er beobachtete, was ES tat und ließ ihm Raum.

Immer mehr und mehr und erfreute sich an der Phase des Erkennens und Begreifens von ES.

Er fühlte, wie ES langsam begann die Schranken einzureißen und spürte die Annäherung.

 

ES versuchte zu begreifen und spürte die Liebe die von ihm ausging.
Und schämte sich ob seiner früheren Gedanken. Die unterlassene Möglichkeit, ihn mit all seinen Gefühlen in sich zu finden und zu erfahren.
Wie viel hatte ES dem Drachen genommen in all den Jahren. Und wie viel hatte ES sich selbst vorenthalten.

Nicht Kampf war das Thema seines Lebens, sondern Einheit und Verstehen. Warum nur hatte ES ihn immer als Bedrohung gesehen? Ihn als dunklen Schatten wahrgenommen? War es die Voreingenommenheit in seinem Weltbild als Krieger, die ES das Leben so schwer und ruhelos erscheinen ließen?
Die Jahre waren eine immerwährende Suche gewesen.

Eine leise Ahnung über die gemeinsamen Möglichkeiten stieg in ES hoch.

Und
ES stand vor der Wahrheit seines Lebens.

Im Bezug auf den Drachen und seiner Freunde.

Die, die es wahrlich waren und die, die ES verließen.

Es war keine Notwendigkeit zu verzeihen.
Es war
Vergangenheit

Und es war gut

Einmal noch ging sein Blick zurück in die Zeit, zu den damals wichtigen Seelen. ES lächelte sie an und erfreute sich an ihrem Anblick.
Jedoch auch sanfter Wehmut erfasste ES.

Aber
Es war an der Zeit die neue Zukunft zu planen und einzurichten.
Es war an der Zeit zu verstehen.

Er sandte sein Liebe in jede Faser des gemeinsamen Körpers um ES die Möglichkeit zu geben sie zu spüren.

Fast konnte er hören und fühlen, was ES dachte.

Und er spürte die Kraft und Energie von ES.

 

 

Und anerkannte ES als den führenden Wesensanteil.

 

Eine neue Zeit begann. Eine unglaubliche Zeit.
Wohl waren erst die Verwundungen auszukurieren. Aber das war nur eine Frage von wenigen Wochen. Viel wichtiger war es, die neue Situation zu erleben - zu erspüren, die Gemeinsamkeit, oder besser noch - das Ich - zu entwickeln.

 

 

 

4.Kapitel: Zeit der Wandlung - 12.08.03

 

 
ES blickte ihn an.
Du oder ich oder wir oder wir ich.
Wie soll unser - mein - Weg nun weiter gehen?
Wie kann das Leben aussehen?
Wie lebe ich das Leben um meiner Aufgabe gerecht zu werden?

Diese Welt wurde nicht für Menschendrachen geschaffen.
Sie wurde für Menschen und Drachen geschaffen.

ES begann die Situation zu analysieren.
Wie könnte man erklären, wie sich darstellen, wie das weitere Leben gestalten, wie einen Partner für die Zukunft finden?

ES dachte und wog ab, versuchte Strategien zu entwickeln.
Denken war immer seine Stärke gewesen, nun aber seine Schwäche.
Da gab es nichts zu denken. Es musste gelebt werden.

 

Er blickte ES an.
Er sah die Zweifel, die Ängste, die Verwirrtheit und dachte 

"so leicht"

Dich zu leben, mich zu leben, uns zu leben ist unsere Bestimmung.

 

Gerne würde ich nun sagen "lächelnd blickte er herab". Es muss wohl aber eher leicht vergnügt grinsend gewesen sein, als er sich wieder in das Geschehen einmischte.

Der Drache anerkannte wohl ES als den führenden Wesensanteil, allein - er oben wollte es anders.
Zudem wollte er auch keine Ruhepause gönnen. Nicht jetzt - ganz sicher nicht jetzt.

 

Verwirrt schloss ES die Augen.
Ein wenig ausruhen nach diesen Tagen. Nach diesen Aufregungen, nach diesem Schmerz, nach diesen Anstrengungen.

Kraft schöpfen.
Das Leben wiederbeleben.
Die Einsamkeit überwinden.
Glaube an die Zukunft gewinnen.

 

Der Drache sah zu ES.

Du musst! Jetzt! Keine Zeit für Pause!

Keine Zeit für Selbstmitleid!
Und vor allem - kein Grund.

Wir durften lernen. Wir haben die größten Gefühlstiefen in diesem unserem Leben durchschritten. Wir sind daran gewachsen. Unendlich gewachsen.

Wir haben uns gefunden. Wir haben gelernt uns zu lieben. Und wir haben gelernt, die ganze Welt durch andere Augen zu betrachten.

Warum also Selbstmitleid?
Wir haben ein wenig gelitten und eine unendlich hohe Belohnung dafür erhalten.

 

ES wollte aber ES war zu müde und ausgelaugt.

Wohl wissend, dass der Drache auf seine vollkommene Rückkehr wartete ließ ES dies sein.

Langsam kehrte wieder Ruhe ein. Die Lebensgeister kamen zurück. Und nicht nur diese.

Traurig sah er zu ES. Er spürte die Verzweiflung und Müdigkeit und lebte - wie er dachte - VORERST ihre Bestimmung.

 

 

Eine neue Person trat in das Leben von ES.

Aber wieder hätte es den Drachen verleugnen müssen und das wollte ES nicht.
Nicht wieder den gleichen Fehler begehen wie früher.

ES zog sich zurück und beobachtete den Drachen bei seinen ersten Erfahrungen.

 

Eine neue Person trat in das Leben des Drachen. Wohl wissend von ES. 
Und diese Frau nahm keinen Anstoß, auch wenn ihr der Drache wichtiger war.

Natürlich kannte der Drache die Erfahrungen von ES. Er konnte ja auf den gleichen Wissens- und Erfahrungsstand zurückgreifen.

 

Gerne hätte ES geholfen, aber ES war in dieser Situation absolut unerfahren. Nur - es war alles anders.
Alles was der Drache von ES wusste hatte hier keine Wahrheit - vielleicht eine Teilwahrheit.

Nun lebte der Drache wie einst ES die Liebe, die Abhängigkeit, die Sucht, die Hoffnung.

Und doch war es anders.

 

ES beobachtete den Drachen. Wie er die gleichen und doch gänzlich anderen Erfahrungen wie ES machte.

 

Etwas ganz Neues begann sich zu kristallisieren.

Der Drache war im Vergleich zu ES Meister der Gefühle, nicht der Gedanken.
Er konnte Gefühle für Menschen, Tiere und Pflanzen viel besser steuern und war ihnen nicht ausgeliefert. Doch hatten diese Gefühle eine ganz andere Tiefe, ein ganz andere Wichtigkeit.

Aber das Wichtigste - es war nicht Sucht, es war Gefühl.

Und eine Art von Gefühl ist es, jemanden wieder ziehen zu lassen.
Mit Freude auf die gemeinsame Zeit zurückzublicken und dann seinen Weg weiter zu gehen.

 

Überrascht beobachtete ES die Art des Drachens, mit den Gefühlen umzugehen. Neidlos anerkannte ES die erfolgreichere Lebensweise des Drachens. Die Trennung war ihm nicht schwer gefallen. Natürlich war eine Traurigkeit in ihm, aber sie war nicht so schwerwiegend wie sie für ES gewesen wäre.

Voller Freude über das Leben sah der Drache wieder in die Zukunft.

 

Die Lebensfreude des Drachen sprang auch auf ES über.

ES wollte wieder Leben.

Der Drachen spürte, dass ES mehr und mehr zum Leben erwachte.

Gerne überließ er ES wieder mehr Raum um die Persönlichkeit zu bestimmen.

 

In den folgenden Tagen, Wochen, Monaten bis zum heutigen Tag geschah es, dass beide einander ohne Einschränkungen Platz ließen. Genau so viel, dass beide glücklich leben konnten. So lebte ES nach außen, wenn es für ES wichtig war und umgekehrt geschah es genau so.

Und doch - den größten Teil der Zeit war der Drache der führende Teil. Dies geschah aber nicht durch verdrängen von ES, sondern weil beide sich so wohler fühlten.
Es war ein miteinander abgesprochener, abgefühlter Zustand. Keiner von beiden wurde in irgendeiner Form verdrängt.

Auch die Umwelt gewöhnte sich mehr und mehr an den Menschendrachen. Es war viel leichter für die Umwelt, als ES sich das gedacht hatte.
Natürlich war am Anfang viel Unsicherheit im Umfeld, aber die Leute begannen sich daran zu gewöhnen. Selbst Verschollene kehrten zurück.

Und viele viele neue Menschen traten in das Leben von ES und dem Drachen.

Was ES etwas verblüffte, nachdenklich machte, aber nicht traurig oder ärgerlich, war, dass immer mehr Menschen, die beide Wesenheiten kannten, die gefühlsbetontere Lebensweise des Drachens bevorzugten.

 

   

Fortsetzung folgt

Riccarda, begonnen am letzten Tag des Jahres 2002