Zeit

Zeit hatte ich - als ich sie nicht schätzen konnte - als ich unter ihr litt

Zeit hatte ich – so viel – dass ich sie verprasste

Zeit, als ich jung war und nicht wusste wer ich bin, was ich bin und wohin ich gehen sollte.

Die Zeit verging und in diesem Weg begannen sich Nebel zu lichten. Nicht bis zur Klarheit, nein, nur ganz leise, ganz vorsichtig begannen sich zeitweise Sonnenstrahlen zu verirren – ganz zarte. Sie begannen sachte den Nebel zu zerstreuen und – sie sind noch lange nicht fertig. Doch es beginnt sich ein Bild abzuzeichnen.

Zum ersten Mal kann ich die Kreuzungen sehen an denen ich stehe. Ich kann nicht beurteilen welcher Weg der Richtige ist, aber ich sehe die Möglichkeit zu wählen.

Und jetzt wo ich sehe, hätte ich gerne wieder die Zeit meiner Jugend, die Zeit in Ruhe den Weg zu wählen. Nicht so zu stürmen, aber die Zeit beginnt sich gegen mich zu stellen, obwohl die Nebelfetzen zeitweise noch immer undurchdringlich sind und ich die Zeit bräuchte, um sie zu zerreißen.

Jetzt stehe ich vor der wichtigsten Gabelung meines Lebens. Wieder einmal. Lange Zeit bin ich im Kreis gelaufen. Nicht aus Angst, nicht aus Schwäche, nur wegen Nichtsehens. Aber ich war schon oft hier. Ich spüre es an jeder Faser meines Körpers.

Ich muss den Weg der Ungewissheit verlassen und mich entscheiden, aber noch ist der Nebel zu stark – ich kann das richtige Ziel noch nicht erkennen. Und doch die Zeit – sie lässt mir keine Zeit mehr. Sie verlangt eine Entscheidung von mir, die ich noch nicht treffen kann. So bleibe ich stehen und warte. Warten, eines der wenigen Geschenke die ich von der Zeit erhalten habe, warten zu können. Sehe schemenhafte Ziele, weiß noch nicht welches das Richtige ist. Und habe doch eigentlich keine Zeit mehr zum Warten. Sonst kann ich keines der Ziele mehr erreichen.

Ob ich noch genug Zeit habe?


Riccarda    12.11.1999