| Heute
- 14.04.03
Zwei Monate als Frau und die Hölle auf Erden. Seit 1. Oktober 2002 nahm ich
Hormone und ab Mitte November hatte ich einen absolut weiblichen
Hormonstatus. Meine ganze Gefühlswelt wurde "neu erschaffen"
und ich bekam eine ganz neue Sicht- und Betrachtungsweise. Mitte Jänner fand der Wechsel in meinem Leben statt. Nicht geplant, nicht beabsichtigt, einfach so. Es passierte von einem Tag auf den anderen. Ich habe einfach wie schon so oft einen Tag als Riccarda gelebt und danach nicht mehr aufgehört. Es war eine schöne, unendlich
traurige und ungemein aufregende Zeit. Aber es war eine schöne und vor allem relativ problemlose Zeit. Die Leute waren erstaunt, manchmal verunsichert und doch immer freundlich. Viele bewunderten mich. Ein Kunde sagte etwas wunderschönes: "Sie halten uns einen Spiegel vor, damit auch wir uns trauen und daran erinnern, unser eigenes Leben zu leben so wie wir sind." Leider hielt die schöne Zeit nur
sehr kurz und dann kamen Schläge aus einer Richtung, aus der ich
niemals damit gerechnet hatte. Ich habe nur gespürt, dass etwas nicht stimmt, aber gewusst habe ich es nicht. Da sie in Berlin wohnt und ich in der Nähe von Wien hatte ich keine unmittelbare Möglichkeit das zu bemerken. Daher waren meine Nerven schon ziemlich am Ende als der Schock kam. Erst als ich sie auf meine Vermutung angesprochen habe, gab sie die Wahrheit zu. Und zum gleichen Zeitpunkt
kündigte mir auch meine Familie die Freundschaft auf. In einer für mich neuen Welt in der ich mich tagtäglich durchsetzen muss und enorm viel Kraft benötigte war plötzlich kein Rückhalt mehr. Nur zwei Freunde standen vorbehaltlos hinter mir. "Nur". Ihnen verdanke ich, dass ich diese Zeit geschafft habe und ich hoffe, ihnen das was sie für mich getan haben irgendwann wiedergeben zu können. Im Nachhinein gesehen war es die für mich lehrreichste und emotionalste Zeit meines Lebens. Ich war noch nie so "fertig" wie in diesen Wochen. Trotzdem bin ich jeden Tag aufgestanden, in meine Firma gefahren und habe mein Leben weiter gemeistert. Ich bin unglaublich stolz auf mich und auf die Kraft, die aufzubringen ich in der Lage war. Dann kam das erste Mal ein kleiner
Zweifel. Nur Sekunden lang und war danach nicht mehr spürbar. Aber ich
habe ihn nicht vergessen. Ich stellte mir die Fragen: Und überdachte folgende Punkte: Viele der Fragen konnte ich mit
einem Leben als Frau nicht 100% vereinbaren und neunzig Prozent oder
weniger war mir zu wenig, um so einen großen Schritt zu gehen. Damit war für mich die
Entscheidung gefallen, wieder in meine "alte Haut" zurück zu
schlüpfen. Ich werde meine Zeit als Frau sicher nicht vergessen und ich fand sie wunderschön. Ich werde auch weiter Riccarda leben. Aber nicht in jeder Minute meines Lebens, sondern wie auch bisher, wenn sie ihr Recht verlangt. Ich habe mit den Hormonen aufgehört und werde nicht endgültig zur Frau wechseln. Ganz einfach deshalb, weil ich es
nicht bin. Ich hoffe, jetzt endlich den richtigen Weg gefunden zu haben. Meine Freundin Daniela, die in den
letzten Monaten so stark an meiner Seite war und mir geholfen hat das zu
überleben, sagte vor wenigen Wochen zu mir: Ich habe viel gelernt, vor allem,
wer in letzter Konsequenz wirklich an meiner Seite steht. Und es war die schönste und aufregendste Zeit meines Lebens. Heute bin ich wieder da. Noch nicht mit ganzer Kraft, aber fast. Auch deshalb nicht mit ganzer Kraft, da ich wegen der Erlebnisse unendlich viel mehr schaffe als vorher. Ich kann nur allen
Gleichfühlenden den Tipp geben, alles bis in letzter Konsequenz
durchzudenken und zu fühlen. Zu oft habe ich gesehen, dass für
viele nur das Ziel wichtig war und sie sich nicht die alles
entscheidenden Fragen gestellt haben. Und von diesen wurde keine
wirklich glücklich.
|