Sabine - die unendliche Geschichte oder immer mehr

Wann es begonnen hat? Ich weiß es nicht mehr, ich kann mich kaum an meine Kindheit erinnern.. Nur - als ich ungefähr zwölf war - lag vor meinem Bett ein Höschen, das ich meiner Mutter geklaut hatte. Es lag so, daß sie es am Morgen gesehen hat. Es lag beabsichtigt so, daß sie es gesehen hat. Ich hatte die Bettdecke halb über den Kopf gezogen, zitterte am ganzen Körper und wartete auf das, was kam. Ich hatte Angst und Hoffnung zugleich. Sie ist doch meine Mutter.
Ich mußte also schon gewußt haben, daß ich etwas "falsch" mache.
Mit dreizehn kam die erste Sexualität. Da hingen meine eigenen - geklauten - Höschen, Mieder, BH usw. längst hinter dem etwas vorgeschobenen Kasten. Gut versteckt. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, daß meine Mutter wirklich nichts gemerkt hat, aber als ich sie vor einigen Jahren zur Rede stellte, stritt sie es ab.

Die erste Ferialpraxis, das erste eigene Geld. Wofür ich es ausgeben wollte, war mir klar, aber nicht wie. Ich traute mich nicht in Geschäfte einkaufen zu gehen und wie sollte ich es über den Versand bestellen. Meine Eltern hätten mich jedenfalls gefragt, was in dem Paket ist. Also allen Mut zusammen genommen, ins Quelle-Kaufhaus mit einem getürkten Einkaufszettel und ein neues Mieder gekauft.

Tja, so wuchs die Ausstattung hinter dem Kasten im Laufe der Zeit. Ich wurde älter, hatte mehr Damenwäsche, aber Zufriedenheit wollte sich keine einstellen. Die ersten Freundinnen - ich hatte nie sexuelles Interesse an Männern -, die typischen jugendlichen Flegeljahre, aber unter der Jean trug ich Damenhöschen, lebte in der panischen Angst vor einem Unfall und der damit verbundenen Entdeckung. Alle zwei Minuten kontrollierte ich, ob sich die Knöpfe des Strumpfbandhalters nicht zu stark abzeichneten.

Irgendwann kam der Tag, an dem ich aufhören wollte. Ich packte alle meine weiblichen Habseligkeiten zusammen und warf sie in den Wald. Eigentlich hätte der Mistkübel auch gereicht, aber es mußte möglichst weit weg sein und ich wollte ja nicht beobachtet werden. Der feste Vorsatz mein männliches Leben zu leben hielt nur leider nicht allzu lange.
Aber wenigstens hatte ich es versucht - ernsthaft versucht!

Dann kam die erste Frau meines Lebens und auch Julia. Ich habe meiner Frau meine Leidenschaft nach etwa einem Monat gestanden. Anfangs war es kein so großes Problem, ich durfte auch beim Sex manchmal ein Höschen tragen, aber mit der Zeit wurde es für sie immer schwieriger und ich wollte immer mehr. Mehr ist wohl ein wichtiges Wort in meinem Leben.
Ihre großartigste Aussage und Handlung war am Tag unserer Hochzeit. Als wir in der Nacht in unsere Wohnung kamen, zog sie ihr Brautkleid aus und mir mit den Worten an "ich habe nicht nur dich, sondern auch Julia (mein damaliger Name) geheiratet.
Sie hat es fast 13 Jahre mit mir ausgehalten und dafür möchte ich mich auch hier bedanken. Es war für sie sicher nicht leicht und sie war oft durch mich überfordert.
Einmal in der Zeit meiner Ehe, bin ich meiner Frau zuliebe zum Psychiater - Entschuldigung - Psychologen (klingt doch viel netter) gegangen. Nach der ersten Stunde und meiner Lebensbeichte hat er mir die entscheidende Frage gestellt. "Wollen sie diesen Drang bekämpfen oder wollen sie ihn leben?".
Ich kann diese Frage auch heute, 10 Jahre später, noch nicht beantworten. Ich tendiere aber eher zum Leben, es klingt auch schon viel besser als kämpfen. Und vielleicht habe ich mir soeben beim Schreiben dieser Zeilen die Antwort gegeben.
Wie auch immer, irgendwann kam die Entscheidung und die Scheidung.
Die Scheidung von meiner Frau und von Julia.

Tja wenn ich von meinem Leben weitererzählen würde, wäre es wohl nur eine Fortsetzung meiner Ehe, (inklusive Psychologenbesuch mit anderen Partnern) allerdings unter einem anderen Namen

Sabine

Jetzt
Jetzt, wie sage ich was ich jetzt bin?
Was bin ich oder was will ich sein?
Ich will kein Mann sein, das ist sicher.
Ich will aber auch keine Frau sein?! Nicht tagtäglich, nicht in jeder Situation, nicht bei jedem Wort und nicht bei jedem Kleidungsstück. Ich könnte es auch nicht.
Ich bin entweder Alltag oder Frau - aber - würde ich als Frau leben, wäre ich dann entweder Alltag oder Mann?
Das ist das Dilemma meines Lebens und deshalb beneide ich Transsexuelle. Sie haben einen schweren Weg, ich habe ihn dank meiner Seite oft genug dokumentiert und gelesen und erlebe ihn sogar ein bißchen bei meinen Freundinnen mit. Nur - sie kennen ihr Ziel und sie haben eines.
Mein Ziel ist es, zu überleben. Das klingt etwas zu melodramatisch, aber momentan fällt mir kein anderes ein -  nicht bei diesem Thema.

Wie bin ich? Eigentlich ein verrückter Hund, der oft viel zu risikoreich lebt. Ich fahre gerne Motorrad, zu oft an der Grenze des Motorrades und fast immer über meiner eigenen. Ich habe aus dem ehemaligen Jugoslawien ein Segelschiff rausgeholt, als unten Krieg war. Man könnte hier noch einiges hinzufügen, aber das ist wohl nicht der richtige Platz. Es dient nur zur Abrundung meiner Person.
Ich bin schüchtern. Zumindestens bei Frauen.
Ich habe Motorrad- und Autorennen gefahren.
Ich habe eine eigene Firma. Der dritte Versuch der Selbstständigkeit dürfte klappen und diese Firma erfolgreich werden.
Ich bin früher oft hinter dem Vorhang gestanden und habe in meiner Verzweiflung "die Tapeten von der Wand gekratzt" und die Versuchung aus dem Fenster zu springen, war ziemlich groß. Aber ich bin nicht gesprungen, ich war wohl zu feige dazu. Jetzt ist die Gefahr vorüber, da ich leben kann wie ich will. Aber die Erfüllung stellt sich nach wie vor nicht ein. Zudem lebe ich vorwiegend partnerlos - leider.
Ich lache gerne und bin ein lebensfroher Mensch. Ich arbeite zu viel und engagiere mich zunehmend in sozialen Projekten, nicht nur im Transgenderbereich.

Meine größte Angst?
Irgendwann eine Frau zu sein, ohne daß ich es wollte. Nur weil ich durch meine Umwelt zu einer Entscheidung gezwungen wurde. Man/frau fängt mit Wesen wie mir nichts an. Würde ich mich entscheiden müssen, niemals wieder Frauenkleider tragen zu dürfen oder Frau zu sein, würde ich mich wohl für Frau sein entscheiden. Aber ob die Entscheidung richtig wäre, wage ich zu bezweifeln. Dürfte ich allerdings nicht zeitweise Frau sein, würde ich mich umbringen.

Immer mehr
ist wohl meine Lebensdevise. Rückblickend ist eine Tendenz zum Frau sein feststellbar. Zu oft ist mittlerweile der Blick in den Spiegel deprimierend, zu stark die Unzufriedenheit mit dem Spiegelbild, zu groß der Unterschied zwischen sein und Wirklichkeit. Ob ich in ein paar Jahren noch Mann bin, traue ich mich nicht abzuschätzen.

Letztendlich
warum unendliche Geschichte? Nach fast dreißig Jahren, seit meinem ersten mir bewußt getragenen Höschen, kann ich immer noch nicht sagen, was ich bin oder wo ich hingehöre.

Wo, in dem verdammten Kasten, hängt meine richtige Haut @%&/8)@§$!

Danke für Dein Interesse

Sabine

 

 

Diesen Text schrieb ich 1998.
Ich habe oft gehört, dass er so negativ oder auch traurig klingt.

Nun, dass lag nicht in meiner Absicht. Ich liebe mein Leben und würde es mit keinem anderen tauschen wollen. Ihn aber jetzt ändern möchte ich auch nicht. Er ist eine Art Dokument für mich.

Vielleicht ging es mir aber damals auch nicht so gut wie heute und es hat sich viel, sehr viel geändert in den Jahren seither. Vielleicht stell ich mein seit damals sporadisch geführtes Tagebuch auch einmal hierher. Jetzt ist es mir aber zu persönlich. Da fehlt mir noch etwas der Abstand.

1989

1995