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Nun lebe ich
seit 15.Jänner 2003 als Frau, auch in der Firma. Oder gerade in der
Firma?
Na ja, viel mehr gibt es auch nicht zur Zeit. Um 6 Uhr aus dem Bett, die
anschließenden höchst anstrengenden und vor allem langwierigen
Restaurierungsversuche, dann ab ins Auto. So bis 7 sollte ich das
geschafft haben. Meistens wird's halb Acht. Die Gründe kennen wohl die
meisten Frauen (hoff ich zumindestens).
Warum
zwinkert mein Auge beim Auftragen des Lidstrichs? Eigentlich sollte es
sich doch längst daran gewöhnt haben und in der Zeit gefälligst auf
unnötige ruckartige Bewegungen verzichten. Oder bei der Wimperntusche,
ein tagtägliches Manöver, das ich auch in den früheren Jahren schon
sehr oft gemeistert habe. Aber aus einem mir unerklärlichen Grund
schaffe ich es gerade nicht die Entfernung richtig einzuschätzen und
habe ein grünes und ein schwarzes Auge.
Einiges mehr gäbe es da noch, aber so sehr will ich mich dann auch
wieder nicht blamieren.
Irgendwann
ist es ja dann doch geschafft und ich treffe in der Firma ein.
Im Normalfall bin ich mit einem Kaffee noch nicht lebensfähig. Also ist
die erste Tätigkeit das Zustellen dieser Lebensnotwendigkeit um meinen
Zweiten zu trinken und mich an den Tag zu gewöhnen. In der Zeit des Wartens
auf die Fertigstellung ist meine einzige bange Befürchtung, dass noch
ein menschliches Wesen erscheint und mich anspricht. Zwar kann man sich
unter der Schminke herrlich verstecken, aber sie schützt nicht vor
unkoordinierten Sprechversuchen.
So nach und
nach kehrt Leben ein in die Firma.
Meine Firma liegt in einem Komplex mit mehreren anderen und es herrscht
ein sehr gutes Klima unter den dort Beschäftigten. Also gehören
morgendliche wechselseitige Besuche zur Tagesordnung. Ich mag das recht
gerne, wenn sich mein Aufenthaltsraum zu füllen beginnt. Die
Tageshektik macht auch richtig Spaß und bringt Leben.
Besonders mag ich es dann, wenn einer reinkommt und mich freundlich mit
"Morgen Richard" begrüßt. Es gibt Leute die lernen es nie.
Na gut, sie kennen Richard ein Jahr und Riccarda erst ein Monat, aber so
schwierig kann's ja dann wieder auch nicht sein. Meistens sag ich darauf
gar nichts mehr, weil es mir einerseits nicht sonderlich viel ausmacht
und es mir andererseits auch zu viel Aufwand ist, jedes mal einen
Ordnungsruf zu tätigen.
Es gibt ja auch die anderen. Überraschenderweise sind es oft die, bei
denen ich vor meinem Outing ein unangenehmes Gefühl im Hinblick auf
Riccarda hatte.
Langsam
beginnen sich dann die ersten Telefonate unter die Anwesenden zu
mischen. Auch einige vorwitzige Kunden strecken ihre Nasen bei der Türe
herein.
Was dann natürlich auch zu recht eigenartigen Situationen führt.
Ich wohne ja bekanntlich in Österreich, wo nicht sein darf was nicht
sein kann - ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was eigentlich in
Wirklichkeit doch sein kann.
Da lebt also wer als Frau, wo er doch von Geburt an männlich ist. Also
sagen die Beamten "Na dem machen wir doch das Leben schwer, der
wird schon sehen wohin er damit kommt".
Das heißt in der Praxis, dass ich sowohl auf der Website meiner Firma,
wie auch auf den Visitenkarten und allem offiziellen und halboffiziellen
Kram Herr Richard Jung stehen habe. Also telefoniert ein Kunde erst mal
mit dem Herrn Jung und steht dann mir gegenüber.
Ich würde gerne sagen, dass das Gewohnheit wird. Das wäre aber
schlicht falsch - es wird nicht zur Gewohnheit, zumindestens nicht nach
einem Monat. Natürlich bekommt man Routine, aber einen schlechten Tag
kann ich mir nicht leisten.
Ich mache in meiner Firma sämtliche Kundenkontakte, sowohl am Telefon,
wie auch in Natura, was mich kleinweise in die Schizophrenie treibt. Am
Telefon mit männlicher Stimme, im direkten Kundenkontakt mit möglichst
weiblicher. Am Telefon deshalb, damit die Stimme zu der Erwarteten passt
und im Kundenkontakt, damit sie zu meinem Äußeren passt.
Was natürlich mit der Zeit zu Stimmkapriolen führt, die durchaus
bewundernswert sind. Ich kann mit einem wunderbaren Bass brummeln wenn
ich nicht will und der passt hervorragend zu meinem Äußeren.
I rgendwann treibe ich nicht nur mich, sondern auch meine Kunden in den
Wahnsinn.
Ich muss jetzt aber auch einen Stab für meine Kunden brechen.
Natürlich sind sie erst mal erstaunt, was so zirka zwischen einer und
fünf Sekunden anhält. 5 Sekunden sind dann schon eher unangenehm.
Versuchen Sie sich einmal vorzustellen, wie lange diese fünf Sekunden
sind wenn Sie jemand mit offenem Mund anstarrt. Anschließend kommt das
Zusammenreißen - was auch körperlich zu bemerken ist - und nach
anfänglichem flattern beginnen sich auch die Stimmbänder zu
glätten.
Einer sagte
einmal zu einem meiner Mitarbeiter, er sei ja tolerant. Worauf dieser
meinte, es bleibt ihm auch nichts anderes übrig.
Hier im Haus stehen wirklich alle zu mir und ich finde das toll.
Aber viele, sehr viele Kunden reagieren wirklich bewundernswert ruhig
und lassen sich nichts anmerken. Oder es ist ihnen schlicht egal.
Jedenfalls habe ich bisher keine schlechte Erfahrung gemacht.
Viel besser
ist es, wenn Kunden vorher nicht angerufen haben. Dann rechnen Sie nicht
damit einem Herrn Jung gegenüber zu stehen und erkennen sehr oft gar
nicht, dass ich keine geborene Frau bin. Sofern mich nicht ein Telefonat
aus meiner Weiblichkeitskonzentration reißt.
Aber am
schönsten ist es, wenn mein Freund den Hr. Richard Jung spielt. Es ist
unglaublich was die Leute sehen, wenn sie es sehen wollen. Mein Freund
hat eine gänzlich andere Stimme als ich und noch dazu mit ganz leichtem
kärntnerischen Dialekt. Der Kunde redet also erst mal mit mir als Hr.
Jung am Telefon, kommt dann in meine Firma, stürmt an mir vorbei da ich
ja augenscheinlich nur eine Frau bin und redet meinen Freund als Hr.
Jung an. Sie unterhalten sich und irgendwann mische ich mich ein, weil
ich einfach mehr Informationen geben kann. Noch nicht einmal zu diesem
Zeitpunkt merken die Kunden, dass es eigentlich meine Stimme am Telefon
war. Sie sind nur etwas verwundert, weil ich es wage mich einzumischen,
wenn sie doch mit dem Chef sprechen.
Warum zum
Teufel habe ich das notwendig? Bin ich vielleicht doch selbst schuld?
Natürlich!
Als ich mir diese Lebensaufgabe vor der Geburt ausgesucht habe, hätte
ich ja auch Deutschland als Heimat wählen können. Dort gibt's die
sogenannte kleine Lösung und man kann, wenn man als Frau lebt, auch
einen Frauennamen tragen.
Und
eigentlich ist ja ohnehin bloß das wichtig. Ein Frauenname und schon
sind die Schwierigkeiten höchstens halb so groß. Plötzlich kann ich
nur mehr Frau sein. Ich brauch am Telefon nicht mehr den Herrn Jung
darzustellen.
Warum muss ich das eigentlich?
Sind die Kunden einmal im Haus, kaufen sie auch und kommen wieder weil
wir gut sind. Ich bin mir aber nicht so sicher was sie tun, wenn ich mit
weiblicher Stimme "Richard Jung" ins Telefon säusle.
Natürlich kann ich auch nur "Jung" sagen, aber dann wollen
sie wieder den Herrn Jung sprechen, weil der ja laut Website der
Geschäftsführer ist.
Dieser
tagtägliche Wahnsinn hält bis ca. 17 Uhr an, manchmal auch länger.
Dann kommt die Entspannung und kleinweise kommt auch meine Weiblichkeit.
Ich kann mich endlich ein wenig fallen lassen und einfach nur ich sein.
Das ist sehr oft noch in der Firma bei einem Glas Wein mit Freunden,
oder auch beim Essengehen mit denselben.
Ich werde in Restaurants kaum mehr beachtet als jede andere Frau auch.
Ich kann ein wenig entspannen und das fühlt sich einfach herrlich an.
Ich habe
auch mein Leben noch nie so sehr geliebt, wie ich es jetzt tue - allen
Beamten zum Trotz.
Dennoch
überlege ich ernsthaft am Eingang ein Schild aufzuhängen
ACHTUNG
UFO!
Vorsicht vor dem undefinierbaren Frauenobjekt!
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